Nach der Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie von Hannover nach Visselhövede am 25. August 1890 kamen an den Wochenenden Hannoveraner, um in der Heide zu wandern oder einfach nur in der Heideluft einen Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Immer mehr wohlsituierte Hannoveraner fanden hier einzelne Hütten, die sie pachteten und in denen sie ihre freie Zeit verbrachten. Nach und nach begannen sie Feste für den Zusammenhalt zu planen, um sich auszutauschen und um sich zu amüsieren. An der Wietze gab es um 1922 nur die Möglichkeit Kaffee und Kuchen an einem umgebauten Eisenbahnwagon, der späteren Gaststätte „Zum Wietzestrand“, zu verköstigen.
Im nahegelegenen Bissendorf fand man im Gasthof „Zur Eiche“ einen Saal und auch Tanzmusik. So wurde von den Wietzeanwohnern auf dem Saal von Gustav Ohlhorst ausgiebig gefeiert. Hiervon sind noch Einladungskarten vorhanden (mittleres Bild). Ein Jahr später war die Einladung zum Wietzeball dann schon etwas umfangreicher gestaltet und der Eintritt war auch festgelegt (Bild rechts).
Nachdem dieser Kontakt aufgebaut war und die wohlhabenden Gäste Freude an den Festen hatten, überlegte sich Gustav Ohlhorst an der Wietze eine Gaststätte zu bauen um auch die weiteren Gäste aus Hannover, die Heideluft tanken wollten, zu verköstigen. Er baute mit dem Architekten Otto aus Langenhagen an der Wietze das Kurhaus. Die heutige Anschrift des Gebäudes lautet Wietzeaue 76. Frühere Adressen waren Bissendorf 128, An der Wietze 1 und Sonnenweg 1.
1925 begann Gustav Ohlhorst mit dem Bau zeitgleich mit einem weiteren Bissendorfer, der am Waldweg ein Gebäude baute. Schon im ersten Winter trat die Wietze über die Ufer und der Keller des Kurhauses stand unter Wasser. Das andere Haus lag etwas höher, sodass hier kein Wasser eindrang. (Anwohner des Waldweges).
Im Regionsarchiv befindet sich der Bauantrag für das Kurhaus (linkes Bild). Gustav Ohlhorst beantragte eine Schankgenehmigung, sowie einen Kleinhandel mit Tabakwaren und erhielt am 6. März 1925 die Genehmigung (mittleres Bild).
Auf der Postkarte (rechtes Bild) kann man sehen, dass das Kurhaus einsam an der Wietze stand. Es gab nur verstreut Hütten im Wald und einzelne Häuser.
1925 wurde dann das Kurhaus als Luftkurhaus eröffnet. Es besaß 10 Fremdenzimmer, eine schöne Terrasse und einen Saal. Nun konnten auch die Anwohner an der Wietze ihre Feste dort veranstalten. Das Kurhaus entwickelte sich zu einem besonderen Anziehungspunkt, war zentral gelegen und befand sich mitten im Wald und nah zur Heide. Auch lag es direkt an der Wietze. Von hier aus waren Wanderungen in die Heide gut möglich.
Bereits 1927 begann Gustav Ohlhorst in der Zeitung für das Kurhaus zu werben. Er sprach damit besonders die Heidegäste aus Hannover an. Hier die Werbung aus 1927 und 1928:
Mit dem Kurhaus zusätzlich „Zur Eiche“ und in der vorhandenen wirtschaftlichen Lage wurden die Kosten für den Betrieb zu hoch und Gustav und Anna Ohlhorst mussten die „Eiche“ und das Kurhaus 1930 abgeben.
Am 25.05.1930 übernahm Fritz Thaler und stellte das Kurhaus fertig. Inzwischen kamen weitere Anwohner an die Wietze und das Kurhaus wurde ein Anziehungspunkt. Die Küche von Fritz Thaler war gut und erschwinglich.
Aus dieser Zeit gibt es auch im Museum eine Servierplatte aus dem Kurhaus, die im Jahr 2015 erworben wurde. Das Geschirr stammt von einer Firma in Hannover und wurde speziell für das Kurhaus angefertigt.
Außer Gästen, die hier eine „Luftkur“ unternahmen, kamen auch die Anwohner zu Kaffee und Kuchen und genossen es. In dieser Zeit entstanden nördlich des Kurhauses am Sonnenweg weitere Lokale: „Das Haus an der Sonne“ – ebenfalls ein Kurhaus mit Kaffeegästen – und das Landhaus Peeters – ein Obstgarten mit Kaffee und Übernachtungsmöglichkeiten.
Zwischen 1933 und 1935 erfolgte die Sanierung der Wietze von der Eilenriede in Hannover bis zum Kurhaus mit dem Erfolg, dass die jährlichen Hochwasser nun reduziert wurden.
Sonntags machte man oft einen Ausflug und genoss anschließend einen Umtrunk am Kurhaus. Um 1940 zeichnete Herbert Kattentidt das Kurhaus (2. Bild von rechts in der folgenden Galerie).
In den Kriegsjahren 1943 – 1945 war der Betrieb des Hotels und auch der Gaststätte erheblich zurück gegangen. So kam es gelegen, dass Herbert Quandt, dessen Familie an der Wietze ebenfalls ein „Haus“ bewohnte, die Fremdenzimmer für Büroräume mietete und umbaute. Als absehbar war, dass Berlin und damit auch die Verwaltung der AFA (Akkumulatoren Fabrik) in Berlin nicht sicher war, holte er die Verwaltung der Akkumulatoren Fabrik „AFA“ an die Wietze in das Kurhaus.
1944 wurde ein Bauantrag für ein Behelfsheim auf dem Grundstück des Kurhauses gestellt und genehmigt.
Im Februar 1945 zogen dann 20 Mitarbeiter der AFA aus Berlin in die Büroräume ein und hielten so einen Notbetrieb offen, hier sollte auch die Keimzelle für den Wiederaufbau werden (Jungblut). Ab 1945 zogen dann die Mitarbeitenden nach Hannover und die Büroräume wurden wieder zurückgebaut. Eine Fabrikation war ebenfalls an die Wietze verlegt worden und befand sich nördlicher am damaligen Sonnenweg. Zu Kriegsende zog die AFA dann in das vorhandene Werk nach Stöcken, dass durch den Krieg nicht beschädigt war. Ein Teil der Produktion verblieb vorerst an der Wietze.
Die Amerikaner besetzten am 9.4.1945 Bissendorf und das Kurhaus und nutzen dieses als Unterkunft. Nach einer Streitigkeit zweier Männer von der Wietze wurde Hans Rieche am 9.4.1945 als Nazi verleumdet und von den Amerikanern festgenommen. Er wurde über Nacht in der Küche des Kurhauses festgehalten und am nächsten Tag auf ein Militärfahrzeug gebunden und später auf der Fahrt von Bissendorf nach Burgwedel erschossen (Archiv der Gemeinde Wedemark, Signatur: GemA WDM NL Hahn 15).
Nach dem Krieg im Jahr 1945 übernahm der Sohn von Fritz Thaler, der ebenfalls Fritz hieß, gemeinsam mit seiner Frau Ingeborg das Kurhaus von seinen Eltern.
Die Räume im Kurhaus wurden weiterhin als Büroräume genutzt. Am 27. November brach in einem Büroraum auf der Südseite ein Feuer durch eine Überheizung aus. Das Büropersonal löschte den Brand bevor die Feuerwehr, die zufällig von dem Brand erfuhr, ausrücken konnte. Der Brandmeister erstattete dem Bürgermeister darüber seinen Bericht. (Sammlung Friedrich Lüddecke, Neustadt)
Nach dem Krieg gab es im Bereich der Wietze viele Überfälle so auch 1947, wo Polen das Kurhaus überfielen und alles Brauchbare mitnahmen. Hier gab es auch eine Schießerei. Die Einschusslöcher in den Wänden waren noch bis 2013 im Kurhaus zu finden (Zeitzeugin G.V.). Auf diesen Vorfall hin gründete sich die Wietzegemeinschaft als Selbstschutz, da beim Überfall auf das Kurhaus 3 Stunden auf die Polizei aus Burgdorf gewartet werden musste.
1949 gab Fritz Thaler jun. das Kurhaus ab und Johann und Charlotte, genannt Lotte, Hermkens übernahmen das Lokal.
Hermkens gaben den Betrieb 1955 ab und Albert Wellern übernahm das Kurhaus ab 1956, danach betrieb Johannes Hilski das Gasthaus ab 1958 und 1959 übernahm Margarethe Bootz. Erst als 1962 Emil Pade das Kurhaus kaufte und mit seiner Frau Frida betrieb, wurde es ruhiger. Frieda richtete im Kurhaus eine Poststelle in der nicht nur Briefe, sondern auch Pakete verschickt werden konnten. Als Emil Pade 1966 stirbt, übernimmt sein Sohn Arno – ein Fleischer – mit seiner Mutter und später mit seiner Frau gemeinsam das Kurhaus.
Arno baute eine Kegelbahn an das Kurhaus an. Architekt ist Carl Vogel, der an der Wietze lebte. Die Kegelbahn wird gut angenommen und Gäste kommen aus der gesamten Gegend, wie bspw. aus dem Mellendorfer Emaillierwerk (2. Bild von links).
1970 übernimmt Arno Pade die Pacht für das Schützenfest Bissendorf. Das Schützenfest findet wie üblich in Bissendorf statt. Es ist mit erheblichem Aufwand zur Verkehrsumleitung verbunden, weil die L383 (Burgwedeler Straße) für die Zeit des Festes gesperrt werden musste (Schützenwesen in Bissendorf Seite 38). Die Pacht des Festplatzes kostet DM 200,-. Für einen Tisch muss DM 1,50, einen Stuhl DM 0,50, für einen qm Zelt DM 2,50 gezahlt werden. Die Polizei hat Bedenken wegen der Verkehrslage. Es muss ein Maschendraht von 1,50 m Höhe an der Straße gezogen werden. Ein Halteverbot an der Burgwedeler Straße und in der Kuhstraße werden angeordnet. Das Schützenfest wird ein voller Erfolg.
1987 findet sich die erste Werbung von Arno Pade in einer Zeitung (2. Bild von rechts). 1990 war Willy Brandt auf Wahlkampftour auch in der Wedemark. Er trat gemeinsam mit Monika Ganseforth im Kurhaus auf (Echo März 1990). Ende 1990 übernimmt Martin Wiegert das Kurhaus. 1991 wurde das Obergeschoss des Kurhauses umgebaut, wie aus der Zeichnung (dem Bild ganz rechts) zu ersehen ist.
Nachdem das „Landhaus Peeters“, ein Nobellokal in der Wietzeaue, 1990 als Eigenheim umgenutzt wurde, plante Arno Pade auf dem Grundstück Erweiterungen von Hotelzimmern an der Wietze. Die Hotelzimmer sollen von 15 auf 60 erweitert werden. Der Umbau wird aufgrund der Nähe zur Wietze und des Überschwemmungsgebietes nicht genehmigt.
1997 feiert die Wietzegemeinschaft ihr 50jähriges Bestehen im und um das „Landhaus Wietze“ herum. Das Hotel und die Gaststätte tragen zu dieser Zeit den Namen „Zum Auerhahn“.
1998: Unter dem Namen Das Ding betreibt Petra Theobald das Kurhaus als Steakhaus. In dieser Zeit war das Lokal bekannt für seine Feierabendbuffets und für seine Gemütlichkeit. Ab 2005 führt Claus Lechner das Landhaus Wietze (ehemals Kurhaus) gemeinsam mit Christiane Krefeld. Sie gestalten das Haus mehr für die vornehmere Gesellschaft, die auch mit ihren Pferden anreisen sollten. Zu der Zeit wurde mit frischem Gemüse vom Bauern nebenan geworben. Anfangs gestartete Freiluftmusik wirkt auf die Anwohner störend und wird nach einer kurzen Anlaufzeit nach innen verlegt. In dieser Zeit erscheint das Kurhaus häufig in der Presse. Für die Veranstaltungen gibt es ausreichend Werbung.
2011 bekommt das Landhaus die Namenserweiterung Il Bovini, was auf das besondere Rindfleisch in der Küche hinweist. Ab 2012 wird im Landhaus Skat gekloppt. Die Skatspieler zogen im Landhaus ein, als das Lokal „Zum Wietzestrand“ geschlossen wurde.
2013 endet die Zeit für das Kurhaus als Gaststätte und Hotel. Der Umbau zum Kindergarten und zu den Gästezimmern des Hotels „Brunnenhof“ (Bissendorf) im Obergeschoss. Für die Gästezimmer musste ein Fluchtweg über den Außenbereich entstehen. Die Arbeiten erfolgten von DeGroot Bissendorf, der das Gebäude kaufte und umbaute, um es dann an das DRK zu übergeben. Am 11.5.2015 wird die Kita des DRK im Landhaus Wietze eröffnet. Es wurden für den Umbau rund 1,2 Millionen Euro investiert. Die Nutzung beginnt mit dem Untergeschoss mit der Eingewöhnung von 5 Krippenkindern und 10 Kindergartenkindern. 2025 feiert die Kita ihr 10-jähriges Bestehen mit einem großen Fest auf dem Parkplatz.
Folgende Bildquellen wurden für diesen Beitrag verwendet. Hinter dem Doppelpunkt ist bzw. sind die jeweilige(n) Bildnummer(n) angegeben.
Wedemark Navigator: 1
Richard-Brandt-Heimatmusuem: 2, 3, 14, 15
Regionsarchiv Region Hannover: 4, 5, 13, 19, 20, 27, 28, 29
Gemeindearchiv Gemeinde Wedemark: 6, 10, 12
Bildkurier Hannover: 7, 8
Sammlung Peter Schulze, Bissendorf: 9, 11, 16, 17, 18, 21, 23, 24
Hannoverscher Anzeiger: 22
Fotosammlung Privat: 25
Wedemagazin: 26, 31 – 35
Chronik Wietzegemeinschaft: 30